Veranstaltungsort
FVG

Bremen
Uhrzeit
16:00 - 18:00 Uhr
Veranstaltungsreihe
iaw-Colloquium

Gastvortrag von Prof. Dr. Arne Heise (Zentrum für Ökonomische und Soziologische Studien (ZÖSS), Universität Hamburg) im Rahmen des iaw-Colloquiums

Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung (SVR), auch als ‚die Wirtschaftsweisen‘ bekannt, ist eine der wichtigsten Institutionen der wirtschaftspolitischen Beratung in Deutschland. Er wurde geschaffen, um die Wirtschaftspolitik auf eine scheinbar neutrale, rationale Basis zu stellen. Dahinter verbirgt sich die Vorstellung von der Wirtschaftswissenschaft als eine den Naturwissenschaften gleiche, monistische und wertfreie Disziplin. Tatsächlich zeigt die Praxis der Beratungsarbeit des SVR, dass die Wirtschaftswissenschaft dazu neigt, miteinander im Wettstreit stehende wirtschaftspolitische Empfehlungen zu produzieren, die entweder auf einer Theorienvielfalt oder gar einem Paradigmenpluralismus fußen. Dies wird durch so genannte Minderheitsvoten in den Jahresgutachten des SVR, aber auch in manchem in der Öffentlichkeit ausgetragenen Streit zwischen SVR-Mitgliedern deutlich.

Diese Praxis wird kritisiert, weil die Minderheitsvoten fast ausschließlich von jenen Ratsmitgliedern verfasst werden, die von den Gewerkschaften vorgeschlagen wurden. Dabei wird impliziert, dass die Minderheitsvoten nicht das Ergebnis von Theorievariation oder Paradigmenpluralismus seien. Stattdessen gingen sie auf die Neutralität verletzende Wertannahmen oder Ideologien zurück, die ‚Kokolores‘ oder ‚wirres Zeug‘ (Niklas Potrafke in der Frankfurter Sonntagszeitung vom 27.08.2017) hervorbrächten. Solche Empfehlungen müssten mit viel Aufwand wieder zurechtgerückt werden.

Im Vortrag soll gezeigt werden, dass sich hinter dieser weitverbreiteten Auffassung ein fehlerhaftes wissenschaftstheoretisches Verständnis verbirgt, welches den Theorien- und Paradigmenpluralismus, der für eine Sozialwissenschaft grundlegend ist, verkennt. Im Rahmen des Vortrags soll auch der Frage nachgegangen werden, ob dieser Pluralismus noch eine universitäre Basis in Deutschland hat.